Geschichte der Familie Gauding

1.0   Ursprung in Beverungen

Der Nachname Gauding ist selten zu finden, in Deutschland sind es heute 49 Haushalte mit diesem Namen (Stand 2006). Es zeigt sich, dass rund 90 Prozent dieser Haushalte in den Kreisen Höxter und Holzminden angesiedelt sind, hier ist der Ursprung des Namens zu suchen.

Der Stammvater der Familie ist Nikolaus ("Niklas") GAUDING (1735 - 1804), auch CÖDING, KÖEDING GÖDING und GAUDIN genannt. Er stammt aus Lothringen und kommt um das Jahr 1760 in die Stadt Beverungen im Kreis Höxter. Erstmals erwähnt wird er im Kirchenbuch der katholischen Gemeinde St. Johannes Baptist. Er heiratet am 14. Juni 1761 die Beverungerin Anna Christina TEGETOFF. Pfarrer Georg Philipp HATTEISEN  verzeichnet im Kirchenbuch:

"Nicolaus CÖDING, lothringii catholicus cum Anna Xtina TETHOFF Beverungensi, servatis servandis, etiam Licentia Officialis g ni"  --- Übersetzung: Nikolaus KÖDING, lothringer Katholik, mit Anna Christina TEGETHOFF aus Beverungen, unter Beachtung der Vorschriften, auch mit der Erlaubnis des [...] Amtmanns.

Da Nikolaus KÖDING als Zugezogener u.a. noch kein Bürger der Stadt war, durfte er nicht einfach so heiraten. Ungewöhnlich ist an dem Heiratseintrag, dass sich der Beverunger Pfarrer gleich doppelt absichert. Er betont, dass bei der Hochzeit alle (kirchlichen) Vorschriften beachtet wurden und auch eine  (amtliche) Erlaubnis vorliegt. 

Für diese Erlaubnis kommen zwei Institutionen in Betracht, die Kirche und die Stadt. Entscheidend ist die Deutung der Abkürzung "gni" im obigen Heiratseintrag. Es ist als alte Abkürzung von "com(mu)ni" zu deuten[1], d.h. hier ist die Rede von einem städtischen Amtmann, der Nikolaus trotz fehlender Bürgerrechte die Heirat erlaubt.                 (Anmerkung: Das alte Amt Beverungen (ca. 1358 - 1802) wurde von einem, vom Fürstbischof in Paderborn eingesetzten, Rentmeister (Officiales, Officiatus) verwaltet. Dieser leitete als verlängerter Arm des Fürstbischofs neben den vom Beverunger Rat bestimmten Bürgermeistern die Geschicke der Stadt und hatte auch gewisse juristische Befugnisse.)                                                                                                                                                Der 1761 amtierende Rentmeister  Joseph GOEHAUSEN sprach demnach also wahrscheinlich die erwähnte Heiratserlaubnis aus.

[Bemerkung: Unwahrscheinlicher ist die Deutung von "gni" als g(e)n(eral)i(s), dann wäre der "Officialis generalis", der Gerichtsvikar des kirchlichen Offizialats in Paderborn gemeint. Dieser würde jedoch nur dann auftreten, wenn ein offensichtliches Ehehindernisse nach canonischem Recht  vorliegt (z.B. unterschrittenes Mindestalter, Religionsverschiedenheit, bestehendes Eheband, Priesterweihe, Blutsverwandtschaft, Schwägerschaft, öffentliche Ehrbarkeit). In diesem Fall hätte jedoch eine sogenannte Dispens erteilt werden müssen, keine Lizenz  (vgl. Wikipediaartikel: Reskript )].

Fast zwei Jahre später, am 26. Januar 1763 leistet Nikolaus den Bürgereid der Stadt Beverungen und bekommt somit die  Bürgerrechte verliehen. In dem städtischen "Verzeichnis neu aufgenommener Bürger" ist die von Bürgermeister Johann Christoph LARENTZ unterzeichnete Mitteilung wie folgt zu lesen:

"Den 26. Jan. 1763 hat Nicolaus GÖDING von Liexinga aus teutsch Lotringen gebührtig seyn Bürger eydt abgelegt undt die praestanda praestirt.       J.C. LARENTZ".

Voraussetzungen für die Erlangung der Bürgerrechte in Beverungen war unter anderem die Entrichtung des Bürgergeldes und die Ablieferung eines ledernen Wassereimers für den Feuerschutz der Stadt. Nach städtischen Aufzeichnungen [2] lautete die angewandte Eidesformel in etwa wie folgt: "Ich Nikolaus GÖDING gelobe und schwöre meinem gnädigen Fürsten und Herrn und dem ehrwürdigen Domkapitel, ich werde ein treuer Bürger sein und will Treue dem Bürgermeister, dem Rat und der ganzen Bürgerschaft zu Beverungen leisten, ihr Bestes zu gewähren und Leid abzuwenden [...] im Holz und im Felde, bei Tag und Nacht, allzeit so viel mir möglich ist [...] so wahr mir Gott helfen soll und sein heiliges Wort".

Zur Zeit dieser beiden beschriebenen Aufzeichnungen gab es keine einheitliche Rechtschreibung, auch Namen wurden so aufgeschrieben wie man sie verstand, daher hieß Nikolaus im Pfarramt KÖDING, im Rathaus GÖDING. Den erwähnten Ort Liexinga gibt es im Lothringen des 18. Jahrhunderts ebenso wenig wie die beiden Nachnamen-Varianten. Da Nikolaus aufgrund seiner Herkunft einen moselfränkischen bzw. rheinfränkischen Dialekt gesprochen haben dürfte, wird man sowohl Herkunftort als auch Namen in diesem Dialekt aufgenommen und entsprechend "falsch" geschrieben haben. Mehr dazu in dem Artikel Gauding-Lothringen

Die Kinder des Nikolaus werden getauft mit dem Namen KÖEDING, dann verschwindet der Name in den Aufzeichnungen. Die gleichen Kinder heiraten mit dem Nachnamen GAUDIN bzw.GAUDING. Es scheint als habe man den Pfarrer selbst auf den "Fehler" im Namen aufmerksam gemacht. Über die Heirat des Franz, Sohn des Nikolaus berichtet das Beverunger Kirchenbuch 1803:

"Adolescens Frans GAUDIN uti sui dicunt, alias KÖEDING et Anna Maria Carolina BUREN ex Beverungen" --- Der Erwachsene Franziskus GAUDIN wie sie (sich) nennen, sonst (bekannt als) KÖEDING, und Anna Maria Carolina BUREN aus Beverungen.

Dies könnte ein Hinweis auf die ursprüngliche Schreibweise des Namens sein, denn der Name GAUDIN bzw. GOUDIN kommt in Lothringen vor. Die Schreibweise setzt sich nicht durch, sondern die mit einem G am Ende. Aufgrund des seltenen Vokommens und der Entstehungsgeschichte ist davon auszugehen, dass alle heute lebenden Personen in Deutschland mit dem Namen GAUDING Nachkommen des Nikolaus sind.

2.0   Verbreitung

Ausgehend von den sechs Kindern des Wagenmachers und Kuhhirten Nikolaus GAUDING (1735-1804) und Anna TEGETHOFF (1738-1805) entwickelten sich  drei heute noch existierende Familienzweige. 

2.1 Catharina Elisabeth GAUDING (1763-1768)

Sie starb 1768 im Alter von nur fünf Jahren, es existiert kein Taufeintrag

2.2 Familienzweig "Johann" Bernhard GAUDING (1765-1824) 

Johann zog es nach Bühne, dort heiratete er 1796 Anna Maria Elisabeth MICHELS, gegen 1801 ließ sich die junge Familie dann in Beverungen in der Burgstraße nieder, 1808 wird er dort als Zimmergeselle erwähnt. 

Dieser Familienzweig teilt sich wiederum durch die Söhne Christian und Josef. Die Nachkommen des Christian leben heute überwiegend in der Beverunger Umgebung. Im Gegensatz dazu leben die Nachkommen des Josef verstreut in Deutschland, eine Gruppe zog es über das  westliche Nordrhein-Westfalen nach Hessen, Hamburg und Berlin, die andere über Köln nach Bayern.

Abb.: Heiratseintrag im Kirchenbuch Bühne/ Westfalen vom 13.Oktober 1796: "Proclamat 14., 21., et 28. August. Joannes GAUDING adolescens Beverungenses et Anna Maria Elisabeth MICHELS virgo Bühnenses. Testes: Bernardus Theodorus TIMMERMAN, Frans ROBRECHT et alii"

2.3 Familienzweig Johann "Ferdinand" Joseph GAUDING (1768-1847)

Ferdinand heiratete im September 1800 Anna, die Tochter des aus Bosseborn stammenden Adamus SPIEKER, dieser besaß das Haus in der Langen Straße 105 in Beverungen. Dort wohnten sie zusammen mit ihren sieben Kindern.

Nach Ferdinand bewohnte es sein Sohn Josef (1811-1887), dessen Sohn Friedrich Wilhelm und schließlich Franz, der Urenkel des Ferdinand. 1937 brannte das Haus ab, an dieser Stelle befindet sich heute das Modehaus Schummel (Lange Straße 42). Die Nachkommen des Ferdinand leben heute überwiegend in Beverungen und Umgebung, dieser Familienzweig kann also im Vergleich als der "bodenständige" bezeichnet werden.

                                                                                                            Bild: Haus Lange Straße 105 auf einer Postkarte 1918/ 1919 (2. Haus von links). Danke an Hans-Jürgen PAGENDARM, der es mir den Scan zur Verfügung gestellt hat.

2.4 Familienzweig Johann "Conrad" GAUDING (1771-1833)

Johann "Conrad" wurde im August 1771 in Beverungen geboren. Er wurde getauft am 19. August in der katholischen Kirche (Abb.).

Conrad wechselte die Weserseite indem er Sophie Magdalene LINKELMANN aus Lauenförde heiratete. Die Kinder dieser Ehe wurden evangelisch erzogen, was diesen Familienzweig kennzeichnet, da die Familie ursprünglich katholisch war (siehe oben).  Zwei seiner Söhne, sowie ein Enkel und zwei Enkelinnen wanderten in den 1830er Jahren über Bremen in die USA aus. Dort kamen sie wahrscheinlich in New York an um sich dann in Ohio und Indiana anzusiedeln. In einer Passagierliste des Schiffes "Brig George Delius" von Bremen nach New York findet sich die Ausreise von Heinrich Gauding. Es sind auch andere bekannte Nachnamen aus Beverungen und Lauenförde zu finden (Bem.: Das Alter von Heinrich GAUDING ist in der Quelle falsch angegeben, es muss 22 Jahre heißen):

Immigrant Ships-Transcribers Guild "Brig George Delius", Bremen, Germany to New York, Date 13 September 1836:

No. 2:    A. Reitemeyer, 35 years, male, Mechanich, Germany, Destiantion United States

No.12:  H. Gauding,  42 years,  male,  Mechanich,  Germany, Destination United States

No. 94: C. Wrede,  36 years, female,  none,  Germany, Destination United States

[Quelle:http://members.aol.com/rprost/passenger.html]

Heute sind in den USA etwa 40 Haushalte mit dem Namen GAUDING mit Schwerpunkt in Ohio und Florida verzeichnet.

2.5 Anna Maria Theresia GAUDING (1774- nach 1804)

Über sie ist außer der Taufe und der Firmung nichts bekannt, 1804 wird sie im Todeseintrag ihres Vaters als hinterlassene Tochter erwähnt, dann verliert sich ihre Spur. Ob sie heiratete, wegzog oder früh verstarb ist bislang unbekannt.

2.6 Johann "Franziskus" Josephus GAUDING (1782-1847)

Franz übernahm von Nikolaus das Elternhaus in der Mittelstraße (ehemals deutscher Pfuhl) von Beverungen. Der hatte es von seinem Schwiegervater Thiele TEGETHOFF bekommen. Es dürfte um 1700 errichtet worden sein und brannte um 1920 nieder. Heute befindet sich ein Parkplatz an dieser Stelle (Leider existiert anscheinend keine Foto-Aufnahme von diesem Haus, über Hinweise würde ich mich freuen).

Franz war verheiratet mit Carolina BURE, in zweiter Ehe mit Caroline SIEVERS. Beide Ehen blieben kinderlos. Die Beverunger Volkszählung von 1840 erwähnt zwar einen Pflegesohn Heinrich GAUDING (geboren um 1829), über ihn ist jedoch nichts weiteres bekannt.

Quellen:

[1] GRUNER -  Grundriss der Genealogie: "Schlussel zu alten Abkürzungen"

[2] Ralf GÜNTHER - Geschichte der Stadt Beverungen S. 114f